Mitteldeutsche Zeitung, Autor: Ulf Rostalsky
BITTERFELD/MZ. Karsten Wind ist neugierig. "Bekommt man doch sonst nicht, so eine Chance", sagt der Thüringer, der am Sonnabend Bitterfeld-Wolfen zum Ausflugsziel gewählt hatte. "Es interessiert mich einfach alles", betont der junge Mann und lugt unter dem Schutzhelm hervor.
Den muss er tragen im Kraftwerk der PDenergy - einem von gut 360 Unternehmen im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen. Der reihte sich ein in die bundesweiten Aktionen zum Tag der Chemie, lud zu buntem Programm, Experimenten und Fachvorträgen auf das Areal rund um den Bitterfelder Kulturpalast und präsentierte die besonders gefragten Sahnehäubchen: Rundfahrten mit Bus und Bahn durch den Chemiepark mit Zwischenstationen in Unternehmen ganz unterschiedlicher Art.
Chemiepark steht für Chemie, für eine moderne, leistungsfähige und zukunftsträchtige Branche. Das ist das Ausrufezeichen hinter der Aktion. Doch Chemie ist nicht alles. Der Park besticht durch Vielfalt. Ist bunt und einen Blick hinter die Kulissen wert, wie Chemiepark-Geschäftsführer Matthias Gabriel betont. Karsten Wind ist einer von Hunderten, die vom Kulturpalast aus auf Reisen gingen. In Reih und Glied standen die Neugierigen Schlange, um Tickets für die Fahrten zu bekommen.
Chemie braucht auch Ordnung und ein gutes Maß an Sicherheit. Station Werkfeuerwehr der Securitas. "64 Männer sind hier beschäftigt", erzählt deren Chef Hans-Jürgen Schröter. In zwei Wachen tun permanent 19 Mann Dienst. Die Zahlen und Fakten interessieren auch den Nachwuchs. Paul Ehrhardt ist Jugendfeuerwehrmann aus Rödgen und nutzt die seltene Gelegenheit, Einsatzkleidung anzuprobieren, den Helm zu tragen. Technik ist aufgefahren, wird demonstriert. Es geht um die Möglichkeit, mittels Wasserwand Gebäude vor Gefahren durch Hitze in der Nachbarschaft zu schützen. Feuerwehrmann Harald Lidtke animiert die Gäste schließlich, mit Feuerlöschern zu arbeiten. Anfassen, mitmachen und fragen.
Die Neugier bricht sich Bann am Tag der Chemie, der keine Eintagsfliege ist und auch in Bitterfeld-Wolfen schon mehrmals auf dem Programm stand. Vor fünf Jahren zum letzten Mal. Viel habe sich getan in dieser Zeit, bekräftigen die Hausherren von der Standortgesellschaft. Entstanden ist zum Beispiel das Kraftwerk der PDenergy. Aus Ersatzbrennstoffen wird hier Energie erzeugt. Müll wird verbrannt. "370 bis 400 Tonnen Müll am Tag", bestätigt Produktionsleiter Peter Hauke und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Leitstand. Hochautomatisiert ist hier alles. Der Mensch aber längst nicht nur ein Rad im Getriebe.
Obwohl der Kran zum Beschicken des Brennofens vollautomatisch arbeiten kann, wird er zumindest wochentags von Hand betrieben. "Der Mensch merkt einfach besser, wenn in den Ecken des Bunkers mehr Material liegt", berichtet Hauke aus Erfahrung.
Wie wird sich der Abwasserpreis entwickeln? "Interessante Frage", findet Gemeinschaftsklärwerk-Geschäftsführer Stefan Basse. Auf Zahlen möchte sich der Fachmann allerdings nicht festlegen. Zumal die reinen Klärwerkskosten nur 25 Prozent des Endpreises für den privaten Kunden ausmachen würden. "Da kommen dann Leitungskosten dazu, Kosten für den Kapitaldienst." Der Theorie folgt die Praxis.
In luftiger Höhe ist der Blick in die Reaktoren möglich. Ein gern genutztes Angebot. Und eine willkommene Fotogelegenheit. "Das haben wir noch nie gesehen", sagt Andrea Liebezeit und zückt das Foto-Handy. Genau hinschauen ist erlaubt, die Unternehmen das Chemieparks sind offen wie nur selten im Laufe eines Jahres. Auch Bayer Bitterfeld hat Gäste geladen und das Fest zum Fest auf die Beine gestellt. Azubis berichten über ihre Erfahrungen in Schule und Betrieb, Krankenkassen informieren, Luftballons steigen in den strahlend blauen Himmel auf. Die Weite des Fluges entscheidet über den Erfolg. Die Gewinner werden in ein paar Wochen prämiert.
Auch Bayer öffnet sich, lädt zu Rundgängen über die Ansiedlung, die fast auf den Tag genau vor 20 Jahren auf den Weg gebracht worden war. Wieder ist die Schar der Neugierigen groß. Und wieder lockt der Blick hinter sonst verschlossene Türen.
Chemie zum Anfassen